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Montag, 4. April 2016

The Spectator: Warum ich mich gezwungen sehe Boris zu verteidigen

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Die hasserfüllten Angriffe kommen von Leuten, die glücklich genug sein können, einmal bei ihm angestellt gewesen zu sein, von ihm durch den Kakao gezogen wurden, oder beides. Von Rod Liddle, 2. April 2016


Ich habe Boris Johnson (Bürgermeister Londons, Anwärter auf das Amt des Ministerpräsidenten und ehem. Journalist, d.R.) einmal in Schwierigkeiten gebracht, ohne dass ich es wollte. Wir beide wurden einmal von Unicef auf der Rückbank eines teuren Mercedes Geländewagens in Uganda hin- und hergefahren, um all die lächerlichen Projekte begaffen zu können, die sie für die gottverlassenen Eingeborenen betreiben. Wir wurden für den Trip ausgewählt, weil von uns korrekterweise angenommen wurde, dass wir nicht so recht überzeugt sind von westlicher Entwicklungshilfe und - zumindest in meinem Fall - noch weniger von der UN.

Unsere Begleiterinnen waren zwei humorfreie skandinavische Frauen, die uns beide von einem abgelegenen Dorf zum nächsten kutschierten: "Schauen Sie, hier haben wir eine Begegnungsstätte für Frauen gebaut," bemerkte dann eine von den beiden voller Stolz auf ein backsteinernes Gebäude inmitten einer ärmlichen Siedlung, die in erster Linie eine Strasse, eine Schule, etwas Gewerbe etc. gebraucht hätte. Aber die Unicef Frauen hatten eine Agenda und die Ugander hatten dabei gefälligst mitzuziehen. Bei jedem Dorf haben sich die Eingeborenen gesammelt, um uns zu begrüssen, und um uns zu erklären, wie außerordentlich dankbar sie seien.

Kurz vor jeder Station, an der wir hielten haben sich die beiden Schwedenbürsten dicke Schichten Isoliercreme auf die Haut geschmiert, dann Gummihandschuhe angezogen und sich einen Mundschutz übergezogen. Sie drängten uns das selbe zu tun - es gibt dort Bilharziose sagten sie und vielleicht auch schlimmeres - aber wir lehnten ab. Es wirkte auf uns atemberaubend unfreundlich. Aber genau in dem Aufzug traten die beiden Matronen den Einheimischen jedes Mal gegenüber - sie stiegen aus ihrer voll klimatisierten Limousine aus, deren Preis dem BIP des ganzen Landes entsprach und schüttelten die Hände in ihren Gummihandschuhen, weil diese schwarzen Figuren ja alle voller Krankheiten sind. Und dann haben sie ihnen eine Lehrstunde erteit über Frauenrechte.

Satire könnte so etwas nicht. Das ganze wirkte auf mich extrem rassistisch, patronisierend und war das wunderbarste Fallbeispiel von kulturellem Neo-Imerialismus, das man sich nur vorstellen kann. Nachdem wir die Siedlung verliesen und zurück in die Limousine stiegen merkte Boris mit Pfeffer auf der Zunge an: "Und weiter gehts zum nächsten Haufen grinsender Negermännlein." Das war eine der angemessendsten Bemerkungen, die mir jemals zu Ohren kam; anti-rassistisch in der Intention und die Einstellung der Unicef Leute wie auch die ganze Projektscharade gnadenlos aufs Korn nehmend.

Ich schrieb später einen Artikel dazu und zitierte Boris inklusive Kontext. Trotzdem aber brachte es ihm Ärger ein. Nouancen sind eben nicht erlaubt. Boris ist die vielleicht unrassistischste Person, die ich kenne - kein Wunder angesichts der Tatsache, dass er das esoterisches Produkt aus Jahrtausenden voller eurasischer Völkervermischung ist. Man kann nicht Bürgermeister der drittschmerzhaftest korrekten Stadt der Welt sein - nach Brighton und Freiburg - wenn die normalen Leute auch nur die kleinste Brise Rassismus in den Knochen ausmachen würden.

Ich dachte, ich sollte das jetzt vielleicht wieder hervorkramen, nun da Boris gerade selbst vom Ministerpräsidenten offen beschossen wird. Die Zeitungen waren voller unterhaltender hasserfüllter Angriffe auf den Mann, zumeist von Leuten, die glücklich genug sein können, einmal bei ihm angestellt gewesen zu sein, von ihm durch den Kakao gezogen wurden, oder im Fall von Petronella Wyatt, beides. Um fair zu bleien, Petsy versuchte ihren Agriff als eine Art halbverletzte Abwehr zu platzieren.

Der treffendste und bitterste Erguss kam von unserem Matthew Parris, den ich immer als guten und eleganten Autor erachtet habe, dessen Ansichten aber trotzdem falsch sind, und zwar immer, bezüglich allem und ausnahmslos. Er war bemerkenswert in seinem Zorn, ein sehr eleganter Wutanfall, der scheinbar voll auf der Tatsache beruhte, dass Boris Schwule einmal als "bum boys" bezeichnete und gegen die Abschaffung von Clause 28 stimmte (ein Gesetz über das Verbot von Werbung für Homosexualität, d.R.). Nur Gott weis, was Matthew über den Rest von uns und seine ehemaligen Parteifreunde denkt, jenen die ebenso gegen die Abschaffung von Clause 28 stimmten und im Privaten vielleicht ähnliche Begriffe oder - Gott verhüte - sogar schlimmeres.

Dann kam die Nummer wieder hoch, in der Johnson einmal, als er etwa neun Jahre alt war, ein Zitat erfunden hat für einen Zeitungsartikel, sowie die alte, aber unwahre Geschichte, in der er seinem Freund Darius Guppy die Adresse eines Journalisten gab, der angeblich die Guppy Familie angeschwärzt hat. (In meinem Buch habe ich sie offenbar nicht genug angeschwärzt.) Die Adresse wurde nie weitergereicht, was Matthew nicht erzählte.

Matthew beschrieb weiter Johnsons Hauptmerkmale als: "gelegentliche Unehrlichkeit, Brutalität, Verrat; und jenseits von Verrat die Abwesenheit wahrer Ambitionen: Die Ambition irgendwas nützliches zu machen in seinem Amt, wenn er es erst einmal innehat". Oh, fehlen nur noch Inkompetenz und mangelndes Interesse an Details.

Ich muss schon sagen, das wirkte auf mich schon recht theatralisch und etwas dünn, wenn es um die Aufzählung wahrer oder ausgemalter Verbrechen geht. Und auch ziemlich illoyal natürlich - aber das EU-Referendum kündigt sich an und ich nehme an wir werden bis auf weiteres so verworrene Konzepte wie Loyalität erstmal im Papierkorb weiterverwalten.

Der vermeintlich gewichtigste Vorwurf besteht in der zweifellos einmaligen Tatsache unter Politikern, dass Boris Johnson bekannt ist, dass er seine Ansichten über bestimmte Angelegenheiten von Zeit zu Zeit geändert hat und auch nicht immer seine Versprechen hielt. Würden wir alle aus dem Unterhaus werfen, die sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben, dann blieben noch genau zwei Leute übrig: Frank Field und Kate Hoey.

Und da wären da noch Inkompetenz und Mangel an Interesse für Details, die auf mich wie ein und das selbe wirken. Dieser Vorwurf wird oft gegenüber Boris erhoben und ich nehme an, es liegt ein Funke Wahrheit darin. Ich denke nicht, dass aus ihm beispielsweise ein besonders emsiger Finanzminister würde. Aber er könnte sich als fähiger Anführer entpuppen. Ich glaube nicht, dass gute Anführer wirklich jedes letzte Detail im Blick haben müssen, wie es Johnsons Kritiker oft bemängeln - weswegen auch der zweifellos anspruchsvolle und kompetente Andrew Tyrie da ist wo er ist und Boris Johnon da ist wo er ist.

Führer müssen in erster Linie das große ganze im Blick haben, das Zeugs oberhalb des Kleingedruckten, die Dinge, die mit der Öffentlichkeit widerhallen. Ich kann mir nicht allzu viele Politiker vorstellen, die das besser können als Boris Johnson. Selbstverständlich würde ich ihn niemals wählen - es sei denn er stünde gegen seinen Gegenpol Jeremy Corbyn - aber ich bin ja auch kein Tory.


Im Original: Why I feel compelled to defend Boris

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